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Der Tod und das Mädchen
Das Morgenlicht ergoss sich gemächlich über die Dächer. Schwere Schritte knirschten über den Sand und blieben vor dem Hühnerstall stehen. „Ähem...“
Vom Räuspern aufgeschreckt öffnete der Hahn schuldbewusst die Augen und rasselte sein „Kikeriki“ herunter. Schläfrige Augen betrachteten die Person vor ihm und versuchten zu ergründen, welche Chancen bestanden, das eigene Gefieder zu behalten – oder den Tag als proteinreiche Ergänzung des Speiseplans zu beenden.
Die alte Hexe – sie war eine Hexe, unverkennbar durch die schweren, schwarzen Stiefel, die dicke Warze auf der großen Nase und – natürlich – den spitzen, schwarzen Hut. Mütterchen Lammfromm war eine sehr traditionsbewusste Hexe. Sie war sich ihres Rufes bewusst und pflegte ihn sorgfältig. Zugegeben, ihr Name hatte es ihr zu Beginn nicht leicht gemacht. Doch ein ständiges unverständliches Murmeln, ein paar laute Flüche* hatten zusammen mit ihrem professionellen Äußeren dafür gesorgt, dass ihr bald mit der nötigen Zurückhaltung begegnet wurde.**
Pschikologie, das war das „Zauberwort“. Und sie hatte bei den besten gelernt.
Mütterchen Lammfromm hielt sogar den traditionellen Ofen in Schuss, auch wenn er viel zu groß war und man eine Menge Brennholz benötigte, um ihn zu befeuern.
Sie wollte gerade in das etwas abseits stehende Holzhäuschen gehen***, um ein Blatt des Almanachs seiner Bestimmung zuzuführen, als sie ein Klopfen an der Vordertür aus ihren Gedanken schreckte. Mütterchen Lammfromm schlurfte leise fluchend durch den Hof, durchquerte das Haus und öffnete die Tür.
Es war niemand zu sehen und so fiel ihr Blick auf die Lichtung vor ihrem Haus und den Weg, der in den dichten Wald führte in dem ihr Haus lag.
Ein missmutiges Brummen entfuhr Mütterchen Lammfromm, als es plötzlich in einem Gebüsch am Waldesrand raschelte. Es war nicht das Rascheln eines Tieres oder eines ungeschickten Menschens, nein, es war das Rascheln eines Könners, der blitzschnell und mit minimalem Lärm verschwand.
Mütterchen Lammfromm machte einen Schritt hinterher, offensichtlich war hier jemand, der einer Lektion bedurfte, als ihr Fuß gegen etwas stieß. Erstaunt schaute sie nach unten: Vor ihr lag etwas, das wie einer der runden Eisenschilde, wie sie die Wächter des Herzogs trugen, die ab und zu vorbeikamen und lernten, das eine Hexe keine Steuern zahlte.
Nur, fügte sie gedanklich hinzu, lagen in den Schilden der Wächter selten Decken. Decken? Vorsichtig schlug sie die oberste Schicht zurück – und blickte in das Gesicht eines schlafenden Babys. „Verdammt!“ entfuhr es ihr. „Nicht eine dieser Geschichten.“ Gewiss, es war nicht das erste Baby, das sie sah. Mehr als ein Kind in der Umgebung hatte nur das Licht der Welt erblickt, weil die Hebamme wusste, wo ihre Grenzen lagen. Nur, in diesen Fällen hatte es immer eine Mutter gegeben, die das Kind danach in ihre Obhut nahm.. Nun ja, fast immer. Zumindest eine Familie.
Dunkel kamen ihr Erinnerungen an ihre eigene Kindheit und ihre Mutter, die sie und ihre neun Geschwister versorgt hatte. Die Worte „Windeln“ und „Füttern“ gewannen plötzlich an Bedeutung. Sie legte dem Kind die Hand auf die Stirn und fuhr erschrocken zurück. Es hatte kein Fieber, es glühte! Ächzend hob sie Schild und Baby hoch und trug beides in ihre Hütte. Sie legte das Kind in ihr Bett, warf Holz aufs Feuer und begann ihre Kräuter zusammen zu suchen. Ohne einen Blick von dem Mädchen (wie ihr ein rascher Blick enthüllt hatte) zu lassen begann sie an ihrem kleinen Tisch mit der Herstellung einiger Arzneien.
„Es ist unhöflich hinter jemandem zu stehen.“, bemerkte sie unvermittelt.
ENTSCHULDIGUNG, sagte Tod und trat neben den Tisch. „Ihr Leben hängt an einem seidenen Faden.“, stellte Mütterchen Lammfromm fest. Tod blickte sie schweigend an. „Du weißt, dass ich es nicht zulassen werde?“, fragte die Hexe. Tod seufzte innerlich und zuckte mit den Schultern. Menschen, dachte er. Und Hexen ganz besonders, fügte er mit einem Blick auf Mütterchen Lammfromm hinzu. „Du weißt, was mit dem letzten passiert ist, der an mir vorbei wollte?“ Tod schien einen Moment nachzudenken. GROSS, DUNKLES HAAR, UNGEPFLEGTES ÄUSSERES?, fragte er zögernd. Mütterchen Lammfromm nickte. ER... WURDE RECHT DEUTLICH, sagte Tod.
„Du hast keine Kinder?“, fragte die Hexe unvermittelt. NICHT... DIREKT, meinte Tod. ES HAT SICH NIE ERGEBEN, fügte er an. AUSSERDEM, Tod blickte an sich herunter, SCHLECHTE BIOLOGISCHE VORAUSSETZUNGEN. „Oh, entschuldige.“, meinte Mütterchen Lammfromm schuldbewusst. MAN SAGTE, ICH HÄTTE SPITZE KNIE, fuhr Tod unbeirrt fort. Mütterchen Lammfromm schaute verwirrt auf. „Also, wenn zum Beispiel der Stier zur Kuh.. dann... keine Knie...“ Sie stockte. „Lassen wir das. Ich habe das Recht, dich herauszufordern.“, stellte sie fest. Tod nickte und fast schien ihr, als ob das oktarine Glühen in seinen Augen aufleuchtete. „Und ich habe die Wahl der Mittel“, fuhr sie fort.
Tod hob die Hand und eine kleine Sanduhr erschien. Nur noch ein kleiner Rest Sand war in der oberen Hälfte und während sie hinschaute hörte der Sand auf zu rieseln.
DU WILLST ALSO ALLES FÜR DAS KIND RISKIEREN?, fragte Tod und eine weitere, größere Sanduhr erschien auf dem Tisch. Mütterchen Lammfromm nickte und sagte: „Katharina.“ Tod schaute sie verwirrt an. KATHARINA?, fragte er. „So heißt das Kind.“, erklärte Mütterchen Lammfromm. Tod warf einen Blick auf die kleine Sanduhr und sah wie sich das Namensschild änderte. AH; ICH VERSTEHE., erwiderte er. Mütterchen Lammfromm bemerkte mit einem flauen Gefühl in der Magengegend wie der Sand auch in ihrer Sanduhr einfror und erstarrte. ALLES IST MÖGLICH, intonierte Tod. ES IST WEGEN DER QUANTEN, fügte er beinahe entschuldigend hinzu.
WÄHLE DIE PRÜFUNG!, donnerte er und seine Stimme klang machtvoller als je zuvor. Die Hexe bereute fast ihre Worte zu Beginn der Diskussion. Krampfhaft überlegte sie. Die Tradition forderte Würfel oder ein Kartenspiel. Jedoch besaß sie weder gezinkte Würfel, noch war sie eine begabte Taschenspielerin. Während sie fieberhaft nachdachte und das Für und Wider abwog, schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf: wenn ich jemals eine Nachfolgerin ausbilde, werde ich ihr einbläuen, auf so einen Moment vorbereitet zu sein.
Dann kam ihr ein Gedanke. „Ich wähle,“ sagte sie, „Tanz.“ Abermals blickte Tod sie verwirrt an TANZ? „Ja, Tanz,“ erwiderte die Hexe, „ich bin im Hochland aufgewachsen und dort wird kein Kind groß ohne die alten Tänze zu können.“ Fast schien es ihr, als sei Tod in Erinnerungen versunken während er ihrer (selbstverständlich schwarzen) Katze Eilidh den Kopf kraulte. Tod sah die Hexe durchdringend an und nickte.
ICH BIN BEREIT, sagte er und lehnte die Sense an die Wand. Mütterchen Lammfromm sah ihn an. „Fehlt nicht noch etwas?“, bemerkte sie. Tod erwiderte ihren Blick und nickte dann.
Einen Moment später erfüllte ein leises Summen das Haus. Es schwoll an und man konnte deutlich Musik hören, jedoch schien sie aus weiter Ferne zu kommen. Nein, nicht aus weiter Ferne, verbesserte sie sich. Aus vergangener Zeit. Das Haus schien sich zu erinnern und so lauschte sie einen Moment in eigenen Erinnerungen versunken.
Dann besann sie sich einen Moment und begann dann ihren Tanz. Erst spürte sie ihr Alter – und das sie seit Jahrzehnten nicht mehr getanzt hatte, doch dann begannen sich ihre Arme und Beine zu erinnern. Immer schneller wechselten die Figuren, rasch folgte Lied auf Lied.
Atemlos endete sie mit einem Knicks und die Musik verstummte.
Tod nickte beifällig und sie fühlte sich so jung wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Dann begann die Musik abermals und Tod begann. Er war gut, sehr gut sogar und einen Moment rutschte Mütterchen Lammfromm das Herz in die Hose. Doch, sie war zu sehr fasziniert, als das dies weiter von Belang gewesen wäre. Gebannt folgte sie seinen Bewegungen in jenem zeitlosen Moment, dem sein Publikum in keinster Weise gerecht wurde.
Als Tod endete, klatschte sie sprachlos. Tod schien den Kopf leicht zu neigen und begann: NUN... „Nun, da du den ersten Teil klar gewonnen hast, kommen wir zum zweiten Teil. ZWEITER TEIL?, fragte Tod. „Ja, der Partnertanz.“, erwiderte sie.
Tod blickte sie durchdringend an und nicht zum ersten Mal wünschte sie sich, seine Gedanken zu kennen. Abermals ertönte die Musik, ungezähmter und schneller als zuvor.
Der folgende Tanz wäre den Menschen in der Umgebung noch Jahrhunderte im Gedächtnis geblieben, wären sie nur Zeugen des Schauspiels gewesen. Ohne Unterlass drehten sie sich in perfekter Einheit. Auf einmal änderte sich die Musik, ein unsichtbarer Flötenspieler tauchte aus der Einheit des Klanges auf und improvisierte. Die Hexe löste sich von Gevatter Tod, kombinierte ihre Figuren und schien förmlich durch den Raum zu fliegen. Tod jedoch, schien ihr nur noch zu folgen, er begann zu stocken und seine Bewegungen ließen die Eleganz vermissen.
Ein langer, klarer Ton und die Musik endete. Eine gebannte Stille herrschte. Schließlich atmete Mütterchen Lammfromm erschöpft aus. Tod streckte seine Hand aus und drehte das kleine Stundenglas um.
Der Sand begann wieder zu rieseln und für einen Augenblick waren die Atemzüge des kleinen Kindes die einzigen Geräusche, bis das Mädchen die Augen öffnete. Sie sah Mütterchen Lammfromm mit ihren klaren Augen an und gluckste.
Mit einem leisen Klacken legte Tod die Hand um den Griff seiner Sense. WIR WERDEN UNS WIEDERSEHEN, sagte er. NÄCHSTE WOCHE, FALLS IHR MÖCHTEST, fügte er hinzu. ZUM TANZEN. Mütterchen Lammfromm nickte und machte einen koketten Knicks. „Sehr gerne,“, antwortete sie, „ich wusste gar nicht, was mir all die Jahre gefehlt hat.“ Tod nickte, öffnete die Tür und trat hinaus. Vor der Tür zögerte er kurz, dann stieg er auf sein weißes Ross Binky und glühende Hufabdrücke waren das einzige, was verriet, das er hier gewesen war.
Mütterchen Lammfromm schloss die Tür und warf einen Blick auf das Mädchen. „Mit dir habe ich mir was eingebrockt.“, sagte sie und lächelte. „Aber, wir zwei werden das schon schaffen.“
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* Für deren Eintreffen sie persönlich gesorgt hatte – niemand hinterging eine Hexe – ungestraft oder ein zweites Mal.
** Sicher, es gab immer wieder Fremde, die bei der Erwähnung ihres Namens schmunzelten – was ihnen aber schnell verging, wenn sie die Blicke der Anwesenden bemerkten...
*** Der Leser erwartet hier sicher eine herzförmige Öffnung in der Türe. Er (oder sie) sei versichert, es gab keine. Mütterlich Lammfromm hatte Stil. Die Öffnung wies die Silhouette eines Raubvogels auf.+
+ Einigen Wagemutigen war aufgefallen, dass die kleinen Beete von Mütterchen Lammfromm von allen Vögeln verschont wurden.
Daraufhin wurden in allen Aborten der Gegend neue Türen installiert, doch blieb der Erfolg aus.++
++ Die Leute deren Felder verschont wurden bemerkten, dass die Vögel entweder die Tür angafften und Balzrituale aufführten – oder im Falle von weiblichen Vögeln der Tür eifersüchtige Blicke zuwarfen.
Einige meinten, sie hätten dumpfe Aufprälle gehört und schwörten, danach hätten sie verdutzte Vögel mit einem äußerst verkniffenen Gesichtsausdruck gesehen.
Der Dorfverrückte meinte, der Erfolg käme davon, dass Mütterchen Lammfromm regelmäßig den Abort leerte und den Eimer auf ihren Beeten leerte.
Doch natürlich glaubte ihm niemand diese verrückte Geschichte.
Mütterchen Lammfromm schreckte aus ihren Gedanken. Lange Jahre waren vergangen, die Erinnerung aber immer noch lebhaft (auch durch den heimlichen Besucher, der ab und zu vorbeischaute). Katharina war groß geworden. Mütterchen Lammfromm konnte sie draußen hören, während sie die Hühner fütterte.
In die Geräusche aus dem Hinterhof mischte sich Hufgeklapper, welches lauter wurde, bis das Pferd vor der Vordertür zu stehen kam. Jemand schien einen Moment den Atem anzuhalten, dann klopfte es schüchtern an der Tür.
Mütterchen Lammfromm schlurfte bedächtig zu ihrem Schaukelstuhl, setzte sich ächzend und wartete. Als sie der Meinung war, den Besucher gebührend lange warten gelassen gehabt zu haben, krähte sie „Herein!“
Vorsichtig öffnete sich die Tür und ein junger Bursche streckte seinen hochroten Kopf hindurch. „Frau La...?“, stotterte er. „Fräulein!“, zischte die Hexe, die die Situation offensichtlich genoss. „Fräulein Lammfromm, entschuldigt die Störung, ich hätte einen Brief für Euch...“ „Kommt doch herein, junger Mann.“, unterbrach ihn die Hexe. „Katharina!“ Der Schrei gellte durch das Haus und lies den Boten zusammenzucken. „Wir haben einen Besucher. Werf’ bitte noch zwei Eidechsen in den Kessel und vielleicht noch ein Rabenei.“
Katharinas Schritte knirschten auf dem Hof, während Mütterchen Lammfromm genüsslich den Gesichtsausdruck des Boten in sich aufsog. „Ich... äh...“, stammelte er. „Ich sollte schon längst wieder... muss noch... so viel... werde erwartet...“ Er streckte zitternd die Hand aus. Nun wusste er, warum der Unbekannte soviel dafür geboten hatte, dass dieser Brief überbracht wird. Innerlich fluchend erkannte er, dass der Arm nicht bis zum Schaukelstuhl reichte und Mütterchen Lammfromm keine Anstalten machte, sich zu erheben. Er nahm allen Mut zusammen und trat über die Schwelle.
Als das Poltern aufhörte, schaute die Hexe auf und bemerkte: „Ihr solltet hinschauen, wohin Ihr tretet.“ Der Bote erhob sich aus dem Putzwasser und öffnete die zugekniffenen Augen. Hastig überreichte er Mütterchen Lammfromm den Brief, den er geistesgegenwärtig hochgerissen hatte und stellte dann den Eimer auf. „Verzeiht!“ Er grüßte kurz mit seiner Mütze und ging rückwärts durch die Tür, ohne einen Blick von der Hexe zu nehmen. Mütterchen Lammfromm kicherte, als der Bote hastig die Tür zuzog und ein hastiges Galoppieren sich vom Haus entfernte.
Erst dann warf sie einen Blick auf den Umschlag, gerade als sich die Hintertür öffnete und Katharina das Haus betrat. Katharina blickte die Hexe vorwurfsvoll an „Warum müsst Ihr jeden Besuch verscheuchen? Ich hätte mich so gern mit ihm unterhalten.“ Mütterchen Lammfromm warf ihr einen scharfen Blick zu. „Eine Hexe plaudert nicht, eine Hexe ist stets um ihren Ruf besorgt. Im übrigen bist du noch viel zu jung für so was!“ Katharina verdrehte die Augen und formte stumm die Worte mit. Rasch schaute sie auf, doch die Hexe schien nichts bemerkt zu haben. „Und wenn ich keine Hexe sein möchte?“, fragte Katharina. „Was steht denn in dem Brief?“ ergänzte sie und versuchte einen Blick auf den Umschlag zu werfen.
„Keine Hexe!“ grummelte Mütterchen Lammfromm. Und doch war auch ihr schon der Gedanke gekommen. Katharina schien zwar das Talent zu besitzen, aber die Hexe zweifelte an ihrer Einstellung. Katharina redete zu gern. Für eine Hexe war so etwas unmöglich. Innerlich seufzend wandte sich Mütterchen Lammfromm dem Umschlag zu.
„Fräulein Lammfromm
Hexenhaus
Hexenwald
Ankh-Morpork-Berge“
stand in feinen, geschwungenen Buchstaben darauf. Mütterchen Lammfromm rümpfte die Nase. Kein Rechtschreibfehler, das konnte nur hohes Volk bedeuten. Jeder, der etwas auf sich hielt, hatte sich ein paar markante Rechtschreibfehler zugelegt. Sie wendete den Umschlag und brach das wappenlose Siegel auf. Die Hexe drehte den Umschlag um.*
Ein zusammengefalteter Zettel flatterte aus dem Umschlag. Nach ein wenig Schütteln (denn er war sich seiner Verantwortung für die Dramatik sehr wohl bewusst) flatterte noch ein zweiter, kleinerer Umschlag heraus.
Mütterchen Lammfromm hob beides auf. Das Papier ließ von außen keinen Hinweis auf seinen Inhalt zu. Auf dem kleinen Umschlag stand in bekannter Schrift:
„Katharina
bei Fräulein Lammfromm
Hexenhaus
Hexenwald
Ankh-Morpork-Berge
PERSÖNLICH“
Die Hexe starrte einen Moment auf den Umschlag, dann gab sie ihn wortlos an Katharina. „Für mich?“ fragte Katharina, die natürlich über die Schulter geschaut hatte, in gespieltem Erstaunen. Mütterchen Lammfromm gab einen undefinierbaren Grunzlaut von sich, faltete den Zettel auf und begann zu lesen:
Hochverehrtes Fräulein Lammfromm,
ich denke Ihr wisst, von wem dieser Brief ist und ich bedauere die Unannehmlichkeiten, die ich Euch bereitet habe
Die Hexe nickte und las weiter.
doch habe ich keine andere Möglichkeit gesehen, ihr Leben zu schützen.
Sie ist nun alt genug, dass sie in den Schule gehen kann, sich auf ihr Leben vorbereiten kann – und damit auch Ihr entlastet werdet.
In dem kleinen Umschlag wird sich eine von einem Anwalt ausgestellte Vollmacht finden, die ihr den Besuch an einer beliebigen Gildenschule ihrer Wahl in Ankh-Morpork ermöglicht – all, abgesehen von der Schule der Narrengilde.
Ich hoffe, dass Ihr sie weiter unterstützt und auch ich werde im Verborgenen über sie wachen.
Ergebenst
Mütterchen Lammfromm wendete das Blatt, doch es fand sich keine Unterschrift. Sie warf Katharina einen prüfenden Blick zu. Katharina las noch aufmerksam und etwas mühevoll, während ihrem Gesicht die Gedanken abzulesen waren, die ihr durch den Kopf schossen.
Liebe Katharina,
Du fragst Dich sicher, wer ich bin.
Nach dem Tod Deiner Mutter bei Deiner Geburt fiel mir, Deinem Vater, die schwere Aufgabe zu, für Dich zu sorgen. Ich kam zu der Auffassung, dass Dein Leben meiner Position wegen gefährdet war. Somit beschloss ich, Dich in die Obhut von Fräulein Lammfromm zu geben, da ich mir sicher war, dass sie gut für Dich sorgen würde.
Nun denke ich, ist es Zeit, dass Du in Ankh-Morpork auf eine Schule gehst. Auf dem zweiten Papier findest Du eine Vollmacht, die es Dir erlaubt, eine beliebige Schule Deiner Wahl zu besuchen – mit Ausnahme der Schule der Narrengilde, das ist die einzige Bedingung, die ich stelle.
Auch wenn Du mich nicht sehen wirst, werde ich immer für Dich da sein und über Dich wachen. Und eines Tages werden wir uns auch von Angesicht zu Angesicht sehen können.
In Liebe
Dein Vater
Auf dem zweiten Papier fanden sich nur wenige Zeilen und ein großes Siegel:
Hiermit bestätige ich, Lenhard G. Enscher, dass Fräulein Katharina Lammfromm die nötigen Finanzmittel für den Besuch einer Schule Ihrer Wahl besitzt. Hiervon ausgenommen ist nur die Schule der Narrengilde.
Sämtliche Kosten werden von einem von mir verwalteten Treuhandkonto beglichen.
gez.
Lenhard G. Enscher
Mitglied der Gilde der Rechtsanwälte, Ankh-Morpork
Katharina schaute auf und blickte die Hexe mit großen Augen an. „Nun, es ist wohl Zeit zu packen.“, bemerkte diese nur. „Aber vorher wischst du das Putzwasser noch auf.“
*Es ist ein bisher ungeklärtes Phänomen, warum die Menschen glauben, aus einem Umschlag würde mehr herauskommen, wenn man ihn umdreht.
Die überzeugendste Theorie besagt, dass dieses Verhalten schon im Kindesalter geprägt wird. Entscheidend ist hier die kindliche Faszination, welche Massen sich sehr zum Bestürzen der Eltern aus einem umgestürzten Nachttopf über den Fußboden ergießen.

